Montag, 12. Dezember 2011
„Klimakonferenz droht, im Chaos zu versinken“, titelte SPIEGEL ONLINE am vergangenen Sonntag. Das ist einerseits erschreckend, andererseits ein willkommener Anlass, darauf hinzuweisen, dass das Verb „drohen“ unterschiedliche Bedeutungen mit jeweils unterschiedlichen Konsequenzen für die Zeichensetzung hat.
Zum einen gibt es „drohen“ in der Bedeutung „bevorstehen“, „heraufziehen“, „im Verzug sein“. Dieses „drohen“ ist unpersönlich, es ist nicht an Menschen, sondern an Ereignisse geknüpft: Gefahr droht! Am Wochenende drohen Hagelschauer. Uns allen droht das baldige Ende!
Zum anderen kann „drohen“ sehr persönlich sein: Jemand droht einem anderen damit, etwas Bestimmtes zu tun oder zu unterlassen. In diesem Fall bedeutet „drohen“ soviel wie „eine Drohung aussprechen“, „ankündigen“, „einschüchtern“. Der Inhalt der Drohung befindet sich meistens in einem abhängigen Infinitivsatz, der durch ein Komma abgetrennt wird:
Er droht ihr, das Haushaltsgeld zu kürzen. Die Kanzlerin drohte, sich nicht zur Wiederwahl zu stellen.
Dieses „drohen“ lässt sich immer daran erkennen, dass man ein „damit“ einfügen könnte:
Er droht ihr damit, das Haushaltsgeld zu kürzen. Die Kanzlerin drohte damit, sich nicht zur Wiederwahl zu stellen.
„Drohen“ hat aber auch noch eine dritte Bedeutung, nämlich „Gefahr laufen“ oder „in Gefahr sein“. In diesem Fall, der dem ersten „drohen“ sehr ähnlich ist, wird keine Drohung ausgesprochen, sondern eine Bedrohung aufgezeigt. Damit die Bedrohung nicht mit einer Drohung verwechselt werden kann, folgt ihr kein Komma:
Der Gesetzentwurf droht am Widerstand der Opposition zu scheitern. Die Regierung droht in der Gunst der Wähler zu sinken.
Hier lässt sich auch kein rückbezügliches „damit“ einfügen. So wäre es jedenfalls nicht sinnvoll: Der Gesetzentwurf droht damit, am Widerstand der Opposition zu scheitern. Die Regierung droht damit, in der Gunst der Wähler zu sinken.
Dieses dritte „drohen“ war zweifellos gemeint, als über den Uno-Gipfel in Durban geschrieben wurde: „Klimakonferenz droht, im Chaos zu versinken“. Denn die Konferenz drohte nicht irgendwem mit irgendetwas, sondern wurde ihrerseits bedroht, und zwar vom Chaos, genauer gesagt dem Darin-Versinken. Folglich war das Komma hinter „droht“ überflüssig. Einigen Lesern drohte daraufhin bestimmt der Kragen zu platzen, und ich kann mir vorstellen, dass das E-Mail-Postfach der Redaktion überzulaufen drohte. In einer korrigierten Fassung konnte man wenig später dann korrekt lesen: „Klimakonferenz droht im Chaos zu versinken“.
Um es auf eine simple Formel zu bringen:
Wenn jemand mit Worten droht, tut Komma not. Wo etwas zu passieren droht, herrscht Kommaverbot!